HIER: Stadtgeschichten

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Maartje Wortel: Riese (fragment)

Draußen waren es Null Grad Celsius. Es fühlte sich viel kälter an, aber vielleicht war das weil ich müde war. Ich schlief schon länger als ein Jahr nicht mehr gut. Als ob der Schlaf mich liegen lies. Und das tat er auch. Es gab Tage, an denen ich mir darüber Sorgen machte, da ich wusste dass ein Mensch ohne Schlaf nicht leben kann, gleichwie er ohne Essen und Trinken nicht leben kann. Aber ich war noch am Leben und weiterhin war alles in Ordnung, wenn man das Leben in Ordnung nennen möchte, und das möchte ich.
Ich gähnte und spürte die Kälte wie ein unangekündigter Besucher in meinen Körper eindringen. Fast als ob mich jemand von innen kurz berührte. Heimlich.
Alle fünf Sekunden schaute ich auf die Uhr die übersprang, damit sie die Temperatur anzeigen konnte. Die Zeit lief weiter, es blieb jedoch Null Grad. Ich saß auf einer kleinen Bank im Wartehäuschen an der Bushaltestelle und wartete auf die Buslinie 45.
Früher wurde ich ‚König 45’ genannt, weil ich immer Mädchen im Bus anbaggerte. Das war sehr einfach, weil niemand auf so etwas achtete. Ich habe sie nicht gezählt, aber es gab viele. Viele Mädchen. Alle genauso unwichtig. Es ist vielleicht schlimm zu sagen, aber auch das war unwichtig für mich. Ich lächelte über meine jungen Jahre, so als ob ich nicht glauben konnte, dass es da um mich ging, sondern ich dachte an einen älteren Freund, der mir eine gute Zeit beschert hatte. Dann kam ein Mann angelaufen. Der Mann ging selbstsicher, als ob er wichtig war. Zielstrebig kam er auf mich zu und stellte sich vor meine Füße.
‚Das ist eigentlich mein Haus’, sagte er zu mir.
Ich schaute ihn an. Er sah nicht aus wie ein Penner. Auf jeden Fall nicht mehr oder weniger als du oder ich. Er trug Nike-Sportschuhe. Und einen Anzug, der lässig um seine Schultern hing. Er sah aus als ob er aus der Werbebranche kam. Ich meine: jemand der Werbung für andere macht. Was diesen Eindruck verstärkte, war dass seine Brille groß und schwarz war. Das einzige das nicht passte, war, dass es keine Gläser in der Brillenfassung gab. Es war bloß der Rahmen, der sein Gesicht schmückte. Man konnte den Mann unmöglich ignorieren. Er war jemand, dem man sich anschauen musste. Er war jemand. Ich guckte ihn an, aber sagte nichts, weil ich nicht wusste was ich zurücksagen sollte.
‚Das ist eigentlich mein Haus’, sagte er noch einmal. Er steckte seine Hände in seine Hosentasche und bog sich nach vorne. Nun war er mit seinem Gesicht sehr nah an meinem. ‚Aber du darfst mich durchaus mal besuchen kommen’, sagte er.
Da er mir so nahe stand, konnte ich seine Augen viel besser sehen. Sie waren hellblau wie die Luft heute bei Null Grad, so als ob die Luft und er aufeinander abgestimmt waren, wie eine perfekte Partie, als ob es abgesprochen war. Fast als ob er beim Aufstehen in die Luft geschaut hatte: wie ist das Wetter heute? Welche Kleidung gehört dazu?
Die Haut des Mannes war hell und glatt.
Ich wusste noch immer nicht was ich antworten sollte. Ich wusste eigentlich immer weniger was ich sagen sollte, aber ich sagte: ‚Dankeschön.’
Er sagte: ‚Sei willkommen hier.’
‚Danke,’ sagte ich noch einmal. Und da ich nicht wollte, dass er dachte, dass ich einfach so in seinem Haus saß, sagte ich: ‚Ich warte auf die Buslinie 45.’

Sechs junge Schriftsteller aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland waren im Sommer 2009 in Nimwegen zu Gast um gemeinsam an einen Prosaband zu schreiben. Das Resultat ist HIER – Stadtgeschichten, ein zweisprachiges Buch mit sechs Kurzgeschichten zum Thema Stadt.

Der Band erschien im Januar bei Literair Productiehuis Wintertuin und wurde mittels einer kleinen Booktour präsentiert. Mit geschichten von Maartje Wortel, David Pefko, Jan Aelberts, Martin Hyun, Matthias Reuter und Marco Jonas Jahn.

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HIER: Stadtgeschichten kostet €10,- (exklusive versandkosten).

Zur zeit arbeiten wir noch an einem webshop. Im moment können sie nur per e-mail bestellen: schicken sie eine mail an karin [at] wintertuin.nl und melden sie wieviel exemplare sie haben wollen und ihre Adresse. Sie empfangen das Buch mit einer Rechnung.

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Matthias Reuter: Nachbarn (fragment)

Die Bewohner der Kleinstadt Brackhagen hatten eine sie alle verbindende Eigenschaft: sie waren unzufrieden mit ihrer Wohnlage.
Das lag hauptsächlich am verhassten übel riechenden Kanalisationssystem sowie an der noch verhassteren Nachbarstadt Bronskirchen, die – so die allgemeine Brackhagener Ansicht – recht ausschließlich von schwachsinnigen Kriminellen bevölkert wurde, die man am besten jedes Jahr nur ein einziges Mal zu Gesicht bekam, und zwar zu einem Fußball-Freundschaftsspiel und um sich danach mit ihnen zu prügeln.
Insofern war es für alle Brackhagener auch vollkommen nachvollziehbar, dass der berühmteste Sohn der Stadt, Norbert Schoch, den Ort schon im Alter von 20 Jahren verlassen hatte und nach Kanada ausgewandert war. Schoch hatte, offensichtlich inspiriert durch die besondere Abwassersituation seiner Heimat, bereits mit 18 Jahren eine Reihe bisher unbekannter Duftstoffe entwickelt und damit ein Vermögen gemacht. Zusätzlich hatte er es geschafft, völlig neuartige und hochwirksame Lärmschutzwände zu konstruieren. Zum mehrfachen Milliardär wurde er dann im Alter von ungefähr 25 Jahren durch die Kombination beider Erfindungen und die massenhafte Produktion klimaerfrischender Duft-Lärmschutzwände, die sich besonders in den aufstrebenden Metropolen Indiens und Chinas sehr gut verkauften.
Im weitgehend unbesiedelten Norden des Staates Kanada erwarb er sich daraufhin eine riesige Landschaftsfläche von der Größe eines Nationalparks, errichtete eine weitere Fabrik und vermehrte sein Vermögen. Dabei blieb er aber als ehemaliger Torwart des TSV Brackhagen 06/07 seinem Heimatort zeit seines Lebens verbunden, wenn auch nicht aus Liebe, so doch aus einem gewissen Solidaritätsgefühl seinen ehemaligen Mitbürgern gegenüber, ähnlich z.B. einem Strafgefangenen, der es als einziger geschafft hat, dem Arbeitslager im Steinbruch zu entkommen.
Jedenfalls war er so interessiert am Geschehen in seiner alten Heimat, dass er sich von Kanada aus regelmäßig darüber informierte. Und als er auf diese Weise dreißig Jahre später über die Internetseite eines Nachrichtenmagazins erfuhr, dass ausgerechnet Brackhagen nun zum Standort des neuen deutschen Atommüllendlagers werden solle, sah Norbert Schoch die Zeit gekommen, zu handeln: er schrieb einen offenen Brief an die Bewohner, in dem er das Angebot machte, seine Heimatstadt komplett nach Kanada umzusiedeln, koste es, was es wolle. Er habe, schrieb er, genug finanzielle Rücklagen und könne sich eine solche Aktion problemlos leisten. Zudem könne er auf diese Weise auch endlich den TSV Brackhagen zum Tabellenführer der Canadian Soccer League machen, eine Idee, die ihn seit dem Aufstieg des TSG Hoffenheim in die erste deutsche Bundesliga einfach nicht mehr loslasse.

Zum Projekt

Im Gegensatz zu älteren, arrivierten Prosaschriftstellern, wird das Werk von Autoren unter fünfunddreißig Jahren nicht oder kaum übersetzt. Dies trifft insbesondere auf Autoren von Kurzgeschichten zu, obwohl dieses Genre sich einer immer größeren Beliebtheit innerhalb der eigenen Sprachgebiete erfreut. Auf europäischer Ebene führt dies dazu, dass junge Autoren und ihre Leser, die Werke und die literarische Umgebung ihrer Zeitgenossen erst spät in ihrer Karriere kennen lernen und dies auch nur, wenn die Autoren im eigenen Land populär sind und somit übersetzt werden.
Die Stiftung Wintertuin (Nimwegen), das Kulturzentrum zakk (Düsseldorf) sowie der Autor und Organisator mehrerer Poetry Slams und Lesebühnen, Markim Pause wollen dies ändern und brachten sechs junge Autoren aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland zusammen, um gemeinsam einige Tage zu schreiben. Das Resultat dieses Austauschs ist der Band “HIER – Stadtgeschichten”.

Zum Thema

Das Thema der ersten Ausgabe von HIER lautet ‚Stadsverhalen/Stadtgeschichten’. Wir leben ‚im Jahrhundert der Stadt’, wie Kofi Annan es vor kurzem noch formulierte. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wohnt inzwischen in Städten. Den Vorhersagen nach wird dies 2050 sogar auf mehr als zweidrittel angestiegen sein. Die Menschheit hat das Leben in der Stadt, dem Landleben vorgezogen.

Außerdem steht die Stadt selbst auch als Symbol für eine Verbindung im täglichen Leben:

Existing between such defined and physically identifiable realms as the home, the workplace, and the institution, everyday urban space is the connective tissue that binds daily lives together.[1]

Außer einem verbindlichen Element in den täglichen Erlebnissen von der Mehrzahl der Weltbevölkerung, formt die Stadt auch das Spielfeld von Differenzen:

The play of difference is the primary element in the “real life” of the city. (…) The city of the bus rider or pedestrian does not resemble that of the automobile owner. A shopping cart means very different things to a busy mother in a supermarket and a homeless person on the sidewalk. These differences separate the lives of urban inhabitants form one another, while their overlap constitutes the primary form of social exchange in the city.[2]

Unabhängig von den Unterschieden der Stadtbewohner hinsichtlich Prestige, Mobilität oder gesellschaftlichen Rollen, sind es vor allem auch die vielen verschiedenen Kulturen innerhalb ihrer Stadt, die letztlich ihre Vielseitigkeit ausmachen. Schon immer waren Städte Mittelpunkt großer Einwanderungen, denn sie bieten unter anderem preiswerte Unterkünfte und ein breit gefächertes, attraktives Arbeitsangebot. Dadurch werden oft tiefer greifende Sozialkontakte und vor allem kulturelle Austauschsmöglichkeiten geschaffen, die an Orten mit geringer Migrationsdichte eventuell abhanden kommen können.

Mit diesen Vorraussetzungen bietet „die Stadt“ für HIER das optimale Thema für den internationalen literarischen Austausch. In ihr und durch sie werden schließlich Grenzen überschritten, liegen Unterschiede und Parallelen eng beieinander und sind Teil einer täglich wiederkehrenden Routine.


[1] Margaret Crawford, Everyday Urbanism, 1999, New York: The Monacelli Press, p. 9.

[2] Margaret Crawford, Everyday Urbanism, 1999, New York: The Monacelli Press, p. 10-11.

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