Writer in Residence

Writer in residence 2009: Ralf Thenior

Ralf Thenior
Onedag, morgens noin o clock

Schlafanzugmatrose am Ontbijt-Tisch,
durchglüht von feuchten Träumen noch,
nimmt er das weiche Brot in beide Hände
und drückt es sanft, ein leiser Ton
entsteht, er lässt ihn schwellen, knetet
und drückt auf der Quetschkommode
in seinen Armen, die er in Varna erstand,
und auf steigt der Tag, an dem alles gelingt.

Endlich, ja endlich wird zwischen all
den großen schönen blonden Frauen
er die kleine dunkle wundervolle finden.

Da kommt Miss Marble, Jane,
mit ihrem Angry-Eye-Wear
die Burchtstraat hoch – vielleicht …
Sie ist es, mit pochendem Herzen,
er weiß es, sie muss es sein.

Verpiss dich, du Schwätzer!
(Ihr Kerl ist ein Rapper).
Vorsicht, kleiner Matrose!

Sie ist es und sie ist es nicht,
nun laufen Tränen über sein Gesicht,
die Chance war da, doch er hat sie verfehlt,
die Perle hat ’nen anderen Kerl gewählt.

Was bleibt ihm noch, er geht an Bord
der Fokkelina, macht die Leinen los
und segelt stumm ins Schwarze Meer.

Nijmegen, 29.11.09

Thenior-Campus

Ralf Thenior & Dennis Gaens: Interview Campus Radboud Universität. (Foto: Gaby Kloosman)

Zum Wintertuinfestival Nijmegen 2009 hatten wir Ralf Thenior zu Gast als ‘Writer in Residence’. Thenior begann in den Siebzigerjahren als Verfasser von Alltagslyrik, der sich von der damaligen Tendenz zur „Neuen Subjektivität“ distanzierte, vielmehr durch die Verwendung der Alltagssprache in seinen Gedichten einen Beitrag zur Sprachkritik leisten wollte. Theniors frühe erzählende Prosa bedient sich phantastischer Elemente und trägt experimentelle Züge. Seit den Neunzigerjahren ist er auch Verfasser erfolgreicher Kinder- und Jugendbücher.

Er schrieb ein Essay zum Festivalthema, ‘Sich frei schwimmen: zum Spiel und dessen Regeln’, das sie hier unten lesen können.

DIE GESCHICHTE DES DICHTERS

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Ralf Thenior liest ‘Die Geschichte des Dichters’, Wintertuinfestival 2009. (Foto: Pim Geerts)

Poesieschwimmen im Wintergarten

Ein Bericht des Writers in Residence

Was ist Poesieschwimmen? Gibt es auch ein Nichtschwimmerbecken für Dichter? Wird der Kontrabass unter Wasser gespielt? Solche Fragen gingen mir gelegentlich durch den Kopf während dieser fünf Tage, in denen ich die Ehre und das Vergnügen hatte als ein im Ruhrgebiet lebender deutscher Dichter beim Wintertuinfestival 2009 als writer in residence zu Gast zu sein. Niemand wusste, was sich hinter dem letzten Programmpunkt am Sonntag verbarg. Würden die Dichter in Badehosen vorlesen?

Doch zum Grübeln blieb keine Zeit. Eine unbekannte Stadt war zu entdecken, Schiffe auf dem Fluss zu sehen, über Brücken zu wandeln, den heftigen Novemberschauern zu entgehen und das geringe Holländischvokabular zusammenzukratzen (waar ist wo und wer ist wie und wie ist hoe) und Achtung: de maatsschappij ist kein Maatskäppi. Am Mittwochvormittag in einem Germanistikseminar der Radboud Universität für eine kleine Lesung und ein Gespräch in einem Germanistikseminar. Mein Gesprächspartner ist Dennis Gaens. Am Abend sitze ich in einem Hörsaal bei einer amüsanten Lesung von Pauline Cornelisse über Sprüche, Verbiegungen und grammatikalischen Mutationen der holländischen Umgangssprache. Das ist amüsant, obwohl ich nur beschränkt folgen kann. Sie ist eine gute Entertainerin. Doch ihr methodologisches Vorgehen lässt mich kalt. Ich kenne ähnliche Bücher aus Deutschland. Es bleibt bei einer oberflächlichen Phänomenologie, die Funktion, Struktur und Dynamik der gesprochenen Sprache nicht in Betracht zieht.

Der Donnerstag ist frei. Es regnet nicht. Ich gehe auf der Gleisbrücke über die Waal und komme auf der Autobrücke zurück. Ein Spaziergang, den Tsead Bruinja mir empfohlen hat. Am Morgen fiel mir ein Bild ein, das sich nicht in Worte fügen mag: Ein Schlafanzugmatrose spielt auf einem weichen Brot Harmonika. Aus den Klängen der Quetschkommode steigt der Tag herauf, es ist ein Oneday, an dem ihm alles gelingt und er zwischen all den großen, schönen Frauen die kleine Wunderbare findet. Vielleicht ist es Miss Marble dort drüben mit ihrem Angry Eyewear. – Ich glaube nicht, dass dies ein Gedicht wird. Es zerbröckelt mir. Ich sehe lieber die Wolken an, träume zwei Sekunden von einem Haus auf der anderen Seite des Flusses, immer beim Frühstück diesen Blick auf die Waal, das wäre ein Glück.

Am Abend im »Doornrosje« sieben Musiker haben ein Gedicht von Remco Campert vertont. De Jongleling (2). Der Reim mee moet auf wemoed haut mich um, überhaupt das ganze Gedicht, es ist eine ungeheuere Verdichtung von Leben, von Schicksal, in einer Hin- und Zurück-Bewegung heraufbeschworen. Diese herzzerreißende Verbindung von dem Mädchen, das mee moet und vor Lebenskummer heult (ein Freier in der Schweiz und einer in einem Balkanstaat) und dem praatje für die Hausfrau macht die ganze Geschichte noch trauriger als sie eigentlich schon ist. Asfaltzorgen – ich beneide den Dichter um dieses Wort. Die musikalischen Ansätze sind verschieden, Rap, Jazz, Country, Folk, Song und Chanson sind zu hören, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Einhellige Meinung: der Belgier war gut. Der Rapper hat einen guten free style über Nijmegen hingelegt. Ich hörte Joni Mitchell-Anklänge, schmolz dahin und hätte gern mehr von dem Gitarristen von Giovanca gehört. Ein toller Abend.

Am Freitagabend im »Lindenberg« wird das Wintertuin-Festival komplex. Den Abend über laufen Parallelveranstaltungen in zwei, drei, vier und gegen dreiundzwanzig Uhr sogar in fünf Sälen. Ich entscheide mich als erste Veranstaltung für Westers Bhoeddhisme. Buddhismus ist nicht überall derselbe. Es gibt unterschiedliche Buddhismen, Theravada und Mahayana sind nur grobe Unterscheidungen. Gern hätte ich mehr gehört über Darstellungen des Buddha in verschiedenen Kulturen. Aus der tiefen Weisheit des Buddha geschöpft, gefiel mir dieser Spruch am besten: Wenn het werkt, werkt het.

Dann kommt der Film von Arjen Duinker, Een Vogel antwort niet. Eine Mischung aus irritierenden Bildern und Verspieltheit. Dann werden zwei Anthologisten von einem scharfen Gesprächsleiter aufs Glatteis geführt. Der eine schweigt dann, obwohl er für seine These, das Gedicht habe den Zustand der Gesellschaft zu spiegeln, in dem es entsteht, etwas länger hätte im Ring bleiben können. Der andere Herausgeber sagt viel, aber ich kriege nicht heraus, was. – Hm.

Ich bleibe im Karolingensaal und höre mir drei Dichter an, die nach ihrer kurzen Lesung abschließen mit einem Auftragsgedicht zu dem Thema die Stunden. Danach wird das Gedicht als Poemclip gezeigt. Ich bin geblieben, um Arjen Duinker wieder zu hören, der mich mit seiner Lesung in Essen beeindruckte. Gedicht mit Trompete, das gefällt mir. Auch der Titel buurtkinderen hat mich überzeugt. (Aren’t we all?). Er erscheint mir wie ein Querdenker, der es schafft abstrakte oder theoretische Zusammenhänge im Bezug auf Wahrnehmung und Denken sinnlich anschaulich zu machen. Durch die Lektüre seines Buches will ich versuchen herauszufinden, ob dieser erste Eindruck richtig ist. Leider habe ich nicht eine Zeile von dem ersten Dichter verstanden. Menno Wigmann als letzter der drei, kam durch, ebenso durch seine Vortragsweise wie durch seine Gedichte, aus denen mir Bilder aufleuchteten und Bedeutungszusammenhänge irrlichterten. Der Schluss seines Uurengedichts, der mir erst im Videoclip aufgeht, haut mich um. Der Tod kommt mit der Beiläufigkeit eines Geldregens aus der Slotmachine. So ungefähr. Sorry, wenn meine Erinnerung hier ungenau ist.

Mit ein paar Minuten Verspätung treffe ich im Steiger Saal ein, um mir Meindert Talmas »Tamango« anzuhören. Und zu sehen. Denn im Hintergrund läuft ein Film über die Liebesgeschichte von Jenny Hall, dem Touristen und dem Call-Girl. Aber ich bin heute Abend gar nicht mehr so scharf auf die Geschichte. Ich will Musik hören. Mein Kopf soll frei werden. Und die Musik geht ab. Die Instrumentierung mit Streichern und Rockmusikinstrumenten erzeugt einen berauschenden Klang, der Sänger ist der absolute Bringer, die Sängerin ebenfalls sehr gut, arbeitet ihm zu. Große Gefühle von Rebellion, Liebe und Vergeblichkeit. Das hat die Klasse von Tom Waits’ »Black Rider«. Ein Highlight und für mich der Höhepunkt des Abends.

Am Sonnabend bin ich dran. Bin gespannt, ob überhaupt jemand kommen wird. Doch vorher gehe ich in den Steigersaal zu einer Veranstaltung zum Geburtstag von Frank Kusters, einem in Nijmegen lebenden Prosaschriftsteller, von dem ich nichts gelesen habe. Ich geh hin, um H.H. ter Balkt zu hören, der mich vor Jahren auf einer Lesung im Amsterdamer Goethe-Institut beeindruckte. Leider kommt es nicht dazu, da er als letzter dran ist und ich schon rüber in den Valkhof muss, wo meine Lesung stattfindet. Der Saal ist leer, und dann, oh Wunder, als es losgeht, sitzen doch plötzlich knapp dreißig Leute da und keiner geht während der Lesung raus. Ich lese ein Dutzend Gedichte auf deutsch und meinen kleinen Aufsatz zum Thema Vrij Zwemmen, der in einer Übersetzung vorliegt und von Dennis Gaens parallel zu meiner Lesung an die Wand gebeamed (oder gepowerpointed?) wird. Das Lob eines jungen niederländischen Dichters erfreut mich sehr.

Dann ist es Zeit für ein Bier und den leider letzten Song von »Andy and the Androids«, eine belgische Gruppe, die mir schon bei ihrem Soundcheck die Schuhe ausgezogen hat. Und schon sind die »Bunny Bonanza’s« on stage. Sie klingen wie die »Friends of Dean Martinez« auf Speed. Sie spielen schnell, laut und mit Druck. Zwischendurch treten zwei junge Dichter auf. Die junge Frau setzt sich nicht gegen die Musik durch, aber der junge Mann hat ein kräftiges Organ und spricht laut und schnell. Eine ganze Geschichte hätte ich unter diesen Umständen jedoch nicht gelesen. Aber meine Sprachkonzentration für heute ist ohnehin aufgebraucht.

Draußen im Hof stehen die Raucher im Regen. Ich will ein bisschen frische Luft schnappen und bin plötzlich von den Klängen aus der Jurte angezogen. HEUG spielt, die beiden Musiker, die auf Kücheninstrumenten Musik machen. Wenn ich sie jetzt nicht höre, höre ich sie vielleicht nie. Ich tauche in die Raumatmosphäre einer mongolischen Jurte und finde noch einen Platz. Die Musik entwickelt sich langsam und meditativ, es braucht eine Weile, um einzuschwingen. Die Musiker arbeiten mit Playback und Loops und das Ergebnis ist eine Art elektronischer Ethno-Dada, was mir sehr gefällt. Dann machen sie Schluss. Ich habe die Flamenco-Show verpasst und bleibe bei »Wooden Constructions« hängen, druckvoller klarer Rock, der in die Beine geht. Der Sänger fegt über die Bühne wie ein zorniger Dämon.

Und am Sonntagnachmittag endlich das Poesieschwimmen. Ein unerwartet zauberhaftes Ereignis. Stellen Sie sich eine Badeanstalt vor, in der alles etwas off key abläuft, der Bademeister liest mit dem Megaphon das Gedicht, das beim Papierschiffchenwettschwimmen als erstes durchs Ziel gegangen ist, am hinteren Beckenende steht eine kleine Kapelle mit einer Sängerin, die wunderbare Lieder singt, auf Holländisch mit einem osteuropäischen, vielleicht balkanischen Einschlag. Eine große Stimme. Manchmal kommt der Bademeister und singt kräftig mit. Ein wunderbares Musik- und Wortklang-Theater.

Das Gedicht ist ein Klangkörper, den der Dichter mit seiner Stimme in den Raum stellt. Das Schwimmbad ist ein großer Raum mit einer halligen Akustik. Es braucht eine kräftige Stimme, ihn zu füllen. Der Dichter Iljya Pfeiffer hat sie, und eine vielleicht melancholische Komik, die in den gesprochenen Sinneinheiten aufblitzt, jedenfalls kommt es mir bei seiner Lesung so vor. Auch F. Starik rezitiert mit kräftiger Stimme. Ik ben en gebroken parapluie. Ich kann meine Flügel nicht mehr ausbreiten, ich bin ein Fisch, der nicht nach oben, nicht nach unten, nicht nach hinten und nicht nach vorn. Dies war das einzige Gedicht, das ich emotional verstanden habe. Vielleicht hat es mir deshalb so gut gefallen. Die beiden anderen, leiseren Dichter haben für mich hier keinen guten Ort. Sie dringen nicht durch.

Aber was das Schönste war: »Cadans«, die Synchroonzwemvereniging, hatte ein besonderes Programm zusammengestellt und während die Dichter rezitierten, tauchten und schwammen Nixen im blauen Wasser des Schwimmbeckens. Ich hielt den Atem an, denn ein Mädchen blieb ja länger und länger unter Wasser. Dann tauchte sie auf und reihte sich ohne Zögern in die Formation ein, die mit anmutigen Armbewegungen einen Kreis bildete. – Ich musste an meine Enkelin denken, ob das vielleicht etwas für sie wäre? Aber sie ist erst drei.

Dann war’s vorbei. Danke. Das war toll.

Ralf Thenior
Dortmund, den 6.12.2009

 

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